Sonntag, 5. Februar 2017

Jawohl, Kommandant!

In der 11. Klasse sollten wir mal eine Schulaufgabe zum Thema "Wer die Sprache beherrscht, beherrscht Menschen" schreiben. Es sollte darin um das Spielen mit Wortbedeutungen oder um grammatikalische Finessen gehen. Wie Politiker mit den Erwartungen und Wünschen der Bürger spielen. Wie etwas gesagt wird, obwohl es gar nicht ausgesprochen wird. Als wenn es jahrelange Übung dazu bräuchte, Menschen manipulieren zu können. Als wenn es nur wenige Auserwählte wären, die die Massen beeinflussen könnten. Wie naiv ich war!


Seit ich die Sprachentwicklung unserer Zwergnase hautnah miterlebe, weiß ich, dass der Wortschatz noch nicht einmal besonders groß sein muss, um Menschen zu beherrschen. Ich weiß, dass einfache Aussagen ausreichen, um Menschen durch die Gegend zu scheuchen, vorzugsweise Eltern und Omas. Und man muss keineswegs Germanistik studiert haben, um Sprache als Waffe einzusetzen.

Ein Baby ist ja recht früh in der Lage, seinen Willen zu äußern. Es schreit halt. Mit dem Urvertrauen darauf, dass irgendein Erwachsener entweder etwas zum Essen anbietet oder die volle Windel entfernt oder in den Schlaf wiegt. Eigentlich noch recht einfach. Denn ansonsten kann man, so böse es klingt, mit seinem Kind so ziemlich alles machen, was man will. Man kann es anziehen, wie es einem gefällt und man hält ihm das Spielzeug vor die Nase, dass gerade griffbereit ist. Sobald die kleinen Zwerge aber sprechen können, wird es anstrengender.

"Ich will aber nicht Zähneputzen!", "Ich will nicht ins Bett!" und "Ich will aber keinen Schlafanzug!" gehören zum Abendritual genauso dazu wie die Gute-Nacht-Geschichte mit gelegentlichem "Ich will aber dieses Buch nicht!" und der Gute-Nacht-Kuss. "Ich will den Pulli aber nicht!" und "Ich will aber nicht heimfahren!", genauso wie "Ich will aber nicht wegfahren!" gehören zum Standardrepertoire tagsüber. "Ich will etwas essen!" und "Ich will etwas trinken!", noch besser als "Ich will einen Apfel/eine Gurke/Paprika/Wiener/Pudding/Nudeln mit Brokkoli!" und "Ich will Wasser/Saft!" sind hingegen schon fast dankbare Handlungsanweisungen, die man sich im Säuglingsalter durchaus gewünscht hätte.

Doch damit nicht genug. Es ist schon fast beängstigend, wie manipulativ ein Dreijähriger Sprache einsetzen kann. Wir kämpfen zum Beispiel immer noch mit dem Sauberwerden für das kleine Geschäft. Als Anreiz steht ein T-Rex aus Plüsch auf dem Schrank, natürlich außer Reichweite. Zwergnase würde schon gerne mit ihm spielen, aber aufs Klo gehen dafür? Scheint bis jetzt noch keine Option zu sein. Aber es ergeben sich Unterhaltungen wie folgende, denen erstaunlich viel Kombinationsgabe innewohnt:

Zwergnase: "Warum krieg ich den T-Rex vom Schrank denn nicht?"
Mama: "Wenn du immer aufs Klo gehst und keine Windel mehr brauchst, kriegst du ihn."
Zwergnase: "Aber warum muss ich denn aufs Klo gehen?"
Mama: "Weil du schon groß bist."
Zwergnase: "Aber warum bin ich denn schon groß?"
Mama: "...."
Zwergnase: "Aber ich war doch schon auf dem Klo!"
Mama: "Aber du musst immer aufs Klo gehen."
Zwergnase überlegt, dann: "Aber Mama. Ich brauche den T-Rex! Weil sonst der andere T-Rex, der mit den Punkten auf dem Kopf, Mama, was soll der nur tun? Der ist doch traurig. Der will mit einem anderen T-Rex spielen!"
Mama: "Wenn du brav bieseln gehst, bekommt der kleine T-Rex jemand zum Spielen."
Zwergnase: "Du bist eine blöde Mama."

Bäm. Genau. Der T-Rex steht immer noch auf dem Schrank. Das will ich nur gesagt haben. Aber gut fühle ich mich damit nicht.

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