Sonntag, 27. November 2016

Krankes Deutschland

Ich kann die Nase noch so oft versuchen, hochzuziehen. Es wird nichts nutzen. Sie ist und bleibt zu. Der Kopf dröhnt, der Hals kratzt und auf einem Ohr bin ich taub. Die alljährliche Erkältungswelle hat mich erwischt. Obwohl ich mich ums Händeschütteln drücke, wo es nur geht, mir beim Händewaschen schon zwanghaft vorkomme, kann ich halt eben nicht verhindern, dass mir Zwergnase auf das Essen hustet und mir seinen Rotz mit den Worten "Ieeeeh! Mama! Ich habe Schnupfen!" unter die Nase reibt. Also nicht nur bildlich oder im übertragenen Sinn. Ich meine es so, wie ich es schreibe. Wortwörtlich. Ich muss also zum Arzt.

Sonntag, 20. November 2016

In der Weihnachtsbäckerei

Die Kälte klirrt. Eisblumen ranken sich am Fenster. In der Stube ist es warm, der Ofen heizt und der Duft von frisch gebackenen Plätzchen erfüllt den Raum.
Vor meinem inneren Auge sehe ich mich zehn verschiedene Plätzchensorten backen und verzieren, während Zwergnase sich nicht entscheiden kann, ob er hilft oder sich die Nase an der Fensterscheibe platt drückt, um den Schneeflocken zuzusehen.

Sonntag, 6. November 2016

Ich wünsche dir noch einen schönen Tag

Eigentlich sieht sie ja ganz nett aus. Sie ist schlank, trägt ihr Haar lang und glatt. Nicht gefärbt, in einem dunkelblonden bis hellbräunlichen Ton. Gepflegt. Immer frisch gewaschen und gut gekämmt, nicht verfilzt. Man könnte meinen, es sei "ein braves Mädchen von nebenan". Auffällig ist die dunkle Nerd-Brille. Mit so großen Gläsern, dass man Angst hat, dass sie irgendwann vornüberkippt. Ich glaube, sie ist so um die 20 Jahre alt. Sie sitzt bei Aldi an der Kasse.

Rotweinflecken

Vor Helene lag eine Zigarette im Aschenbecher und qualmte. Sie nahm sie umständlich zwischen Zeige- und Mittelfinger und zitterte damit zum Mund. Sie nahm zu schnell einen tiefen, langen Zug. Beim Ausatmen vermischte sich ihr Schluchzen mit einem Husten. Fünf Jahre hatte sie nicht mehr geraucht. Sie drückte die nicht halb gerauchte Zigarette mit fahrigen Bewegungen aus. Dabei brach sie in der Mitte auseinander. Mit dem Handrücken verwischte sie ihren Kajal. Sie schenkte sich Rotwein nach. Sie hatte keine Ahnung von Wein. Es war eine billige Flasche vom Discounter. Sie leerte den Zahnputzbecher in einem Zug. Dann warf Helene ihn an die Wand. Reste des Weins rannen die weiße Wand hinunter. Die Flecken würden ewig halten. Helene sah es nicht. Sie hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schluchzte in die Platte des Campingtisches, bis keine Tränen mehr kamen.