Sonntag, 16. Oktober 2016

Das Geräusch von Rotorblättern

Plötzlich ging alles ganz schnell. Es war ein Rucksack gekauft, eine Brotdose, Wechselwäsche, Gummistiefel und Matschanzug hineingesteckt und dann stand ich mit Zwergnase im Gruppenraum der Schmetterlinge. Der Erzieher war Zwergnases neuer Freund, ehe ich wieder zur Tür hinaus war. Die Eingewöhnung verlief schnell und schmerzfrei. Ich bin sogar der Meinung, dass sie noch schneller passieren hätte können, wenn ich nicht zwei Tage verstohlen in einer Ecke sitzen hätte müssen...


... und Zwergnase damit verwirrt hätte, dass ich so gar nicht mit ihm spielen will. Wäre ich nicht da gewesen, hätte es diese Problematik gar nicht gegeben. Ich bin überzeugt, dass ich es ihm erklären hätte können. "Du darfst jetzt spielen, Mama muss arbeiten. Zum Mittagessen hole ich dich wieder!" Ich vertraue so auf unsere Mutter-Kind-Bindung, dass er das auch am Anfang der Woche hingenommen hätte. Ob es mir schwer fiel, ihn dort zu lassen? Das erste Mal bei wildfremden Menschen? Ein wenig, aber nicht sehr. Vielleicht, weil mir die Chefin des Kindergartens gar nicht fremd ist. Die war nämlich schon mein Fräulein.

Doch auch wenn mir diese Abnabelung richtigen Herzschmerz beschert hätte, hätte ich versucht, ihn vor Zwergnase zu verbergen. Er soll doch gerne dorthin gehen! Schließlich geht es ja auch nicht mehr anders. Da kann ich doch nicht weinend an der Tür stehen und ihm damit sagen, dass der Kindergarten die Mama traurig macht. Der Kindergarten ist toll. Dort gibt es viele Spielgefährten, viel Spielzeug und viele Lieder und Spiele. Punkt.

Tatsächlich habe ich mir keine großen Gedanken um die Ausstattung der Einrichtung gemacht. Ich habe Zwergnase eben dort angemeldet, wo es für uns am einfachsten mit dem Beruf vereinbar ist. Pädagogische Konzepte? Thematische Lerngruppen? Interessieren mich alle nicht. Ich erwarte von einem Kindergarten lerntechnisch nichts. Gar nichts. Wenn ich wirklich möchte, dass mein Kind einen gewissen Vorsprung hat, dann muss ich das selbst erledigen und kann mein Kind nicht irgendwo abgeben, wo es natürlicherweise nicht die Aufmerksamkeit erhält, die es daheim allein von mir bekommt. Zum Lernen ist darüber hinaus die Schule da und auch dann ist es so, dass man zuhause dafür sorgt, dass das Kind vorne mit dabei ist. Da hilft auch kein Jammern, dass das aber doch eigentlich die Aufgabe der Schule sei. Es ist eben nicht so. Ich kann das akzeptieren und meinem Kind selbst helfen oder eben jammern und dem Kind nicht helfen. Was nun besser für das Kind ist, ist jedem selbst überlassen.

Ich erwarte vom Kindergarten, dass Zwergnase Spielgefährten hat und ich ihn mittags halbwegs intakt wieder abholen kann. Mehr nicht. Umso überraschter war ich, dass mir jeden Tag eine oder mehrere Erzieherinnen sagen, dass alles in Ordnung war. Oder dass er mal hingefallen ist. Oder dass es mal einen kleinen Schubser von einem anderen Kind gab, was aber wirklich, wirklich nicht dramatisch gewesen sei. Oder dass leider die Hose dreckig geworden sei. Ich erhalte tagtäglich Bericht. Und ich frage mich, warum. Zwergnase ist ein aktiver Junge. Natürlich fällt er mal hin. Natürlich wird er dreckig. Natürlich gerät er in Auseinandersetzungen mit anderen Kindern. Das soll ja schließlich so sein. Ich würde mir viel mehr Sorgen machen, wenn es all das nicht zu berichten gäbe.

Ich habe der Erzieherin nach einem solchen Bericht mal gesagt, dass ich davon ausgehe, dass alles in Ordnung ist und auch, dass so Kleinigkeiten vorkommen. Das ist doch schließlich normal und gehört dazu. Ich kann doch nicht glauben, dass eine Erzieherin den ganzen Tag an seiner Seite steht. Mach ich ja zuhause auch nicht, obwohl ich nur ein Kind habe. Plötzlich sah ich so etwas wie Erleichterung über ihr Gesicht huschen. "Genau so ist es. Aber nicht, dass du dir Sorgen machst!", meinte sie dann. Nein, ich mache mir keine Sorgen. Wenn ich nicht darauf vertrauen kann, dass die Fachkräfte wissen, was sie tun, darf ich mein Kind nicht abgeben.

Zuhause hatte ich immer noch das Rauschen von Rotorblättern in den Ohren. Von den Helikoptern, mit denen die Eltern über dem Kindergarten kreisen...

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