Donnerstag, 30. Juni 2016

Gibt es den Hungerstoffwechsel wirklich?

Heute ist mein bestelltes Buch Fettlogik überwinden bei mir angekommen. Und obwohl es mich jetzt natürlich juckt, das Buch zu lesen, muss ich zuerst diesen Blogbeitrag tippen,damit meine eigenen Beobachtungen nicht durch die Lektüre verfälscht werden. Eine ausführliche Bewertung des Buches folgt, wenn ich durch bin.


Wer abnehmen möchte, wird früher oder später einen Stillstand haben. Weil das ärgerlich ist, googelt man - und dann trifft man unweigerlich auf das Damokles-Schwert Hungerstoffwechsel. Der Körper passt sich (angeblich) der vermeintlichen Hungersnot an, indem
er seinen Stoffwechsel herunterfährt - er spart Kalorien, um länger überleben zu können. Durch den verminderten Kalorienverbrauch des Körpers wiederum schnappt die Jojo-Falle zu. Isst man wieder normal, will sich der Körper für die nächste Hungersnot rüsten und lagert noch mehr ein als zuvor. Wann der Körper auf Notstrom schaltet, da scheiden sich die Geister. Auf den einen Netzseiten heißt es, dass dies bei unter 1000 kcal täglich der Fall sei, auf den anderen, dass ein Kaloriendefizit von 500 kcal über drei Tage ausreicht, um den Stoffwechsel panisch werden zu lassen.

Einig sind sich anscheinend alle, dass der Hungerstoffwechsel der größte Feind des Abnehmenden ist. Ihn gilt es zu vermeiden! Also iss ja nicht zu wenig.

Nun hat man ja erst einmal gar keinen Plan davon, wieviel Kalorien man benötigt, um die einfachen Körperfunktionen am Laufen zu halten, wenn man den ganzen Tag im Bett liegen bleiben würde (=Grundumsatz) oder gar wieviel Kalorien man zusätzlich mit Arbeit, Sport, Hausarbeit, etc. verbraucht (= Gesamtumsatz). Dazu gibt es komplizierte Formeln, die Geschlecht, Alter, BMI und tägliche Bewegung berücksichtigen. Das Internet ist voll von verschiedenen Kalorienbedarfsrechnern. Ich habe ca. 10 ausprobiert und habe überall die gleichen Ergebnisse erhalten. Mein Gesamtumsatz soll angeblich bei etwa 2000 kcal liegen, mein Grundumsatz bei ca. 1500 kcal. Da ich mich jeden Tag aus dem Bett quäle und mich zumindest minimal bewege, sollte ich also bei einer Kalorienaufnahme von 1500 kcal pro Tag recht zügig abnehmen - ein Kaloriendefizit von 500 kcal pro Tag gäbe rechnerisch ein Abnahme von 500g in der Woche.

Ich nehme mit 1500 kcal am Tag kein Gramm ab. Ich halte mein Gewicht.

Das heißt, dass Kalorienverbrauch und -aufnahme sich die Waage halten. Mein Gesamtumsatz beträgt also 1500 kcal. Die Mitglieder in den Diätforen sind sich einig: Ich bin ein Opfer des Hungerstoffwechsels. Ich solle ja nicht noch weniger essen! Und ich habe schon lange das Gefühl, dass ich immer weniger essen darf, um an Gewicht zu verlieren. Es muss so sein, jahrelanges Fasten hat meinen Stoffwechsel zerstört. Ich werde niemals schlank sein!

Ich muss zugeben, ich fände diese Vorstellung schön. Ich könnte mich der Normalisierung meines Stoffwechsels widmen und das Abnehmen erst einmal sein lassen. Für meinen Stoffwechsel müsste ich natürlich Schlemmertage einbauen. So ein Pech aber auch. Und endlich weiß ich auch, warum ich trotz jahrelanger Diät keine Idealfigur habe, während meine schlanke Schwester essen kann, was sie will, keinen Sport treibt und dennoch kaum ein Gramm Fett am Körper trägt.

Ich bin ein Opfer. Ein armes, unschuldiges Opfer.

Ich möchte es wirklich glauben. Doch ich bin ehrgeizig. Und ich fühle mich nicht wohl. Und ich will nicht mit der Unschuldstour kommen, dass ich ein Diätopfer bin. Dass ich ja nichts dafür könne, ein paar Pfunde zuviel auf den Rippen zu haben. Und ich will auch gar keine Pfunde zuviel auf den Rippen haben. Ich möchte schlank sein. Ich möchte die Kleidung nicht seufzend und den Tränen nahe zurück an die Stange hängen, weil ich nicht in die Norm passe - die meisten anderen passen nämlich in die Norm. Und ich nicht.

Also war ich ehrlich zu mir selbst. Habe mir meine Abnehmkurve von diesem Jahr angesehen und habe genau nachgedacht, was ich gegessen habe, als ich 2008 das erste Mal mit Schlank im Schlaf startete - mit meiner ersten wahren Ernährungsumstellung. 2008 konnte mein Stoffwechsel definitiv nicht kaputt sein. Ich hatte zuvor keine Crashdiäten gemacht und mehr als 2-3 Kilo hatte ich nie wegbekommen.

Mein Kalorientagebuch aus diesem Jahr sagt, dass ich bei 1200 - 1300 kcal abnehme. Meistens halte ich die ein paar Tage durch und rutsche dann wieder ein paar Tage auf 1400 - 1500 kcal hoch. Dann folgen wieder ein paar Tage mit weniger, dann wieder mehr. Immer so im Wechsel. Bei Plateaus fehlte dieser Wechsel und ich habe konstant zwischen 1400 und 1600 kcal zu mir genommen. Manchmal über 4 Wochen, bevor ich mich wieder aufraffen konnte, die zwei Schokoriegel zum Nachtisch wegzulassen (Ja, zwei große Kinderriegel haben ca. 220 kcal). 1200 - 1300 kcal sind wenig und 1400 - 1500 kcal sind auch nicht viel, sind aber trotz täglicher Süßigkeit relativ leicht einzuhalten.

Konnte ich früher mit 1400 kcal am Tag abnehmen? Hat sich mein Stoffwechsel geschrottet?

Mein Alltag war vor acht Jahren ein anderer. Ich habe studiert, legte schon am Campus ganz andere Wege zurück als heute. Ich habe geraucht - und zwar viel. Eine Schachtel Zigaretten entspricht einem Kalorienverbrauch von 200 kcal, weil der Körper mit dem Gift kämpft. Ich habe außer Zigaretten nichts gefrühstückt, sondern nur Mittagessen und Abendessen zu mir genommen. Das Mittagessen hatte damals (ich habe mich nicht  an die Rezepte von SiS gehalten, sondern nur an das Trennkostprinzip) mit Sicherheit die meisten Kalorien, als Nachspeise eine kleine Süßigkeit von etwa 100 kcal, beim Abendessen hingegen habe ich mich auch nicht an die Rezepte gehalten, sondern stattdessen auf geringe Mengen Eiweiß gesetzt. An einem Abend 5 Scheiben Putenbrust, am nächsten ein Ei, und tags darauf eine Scheibe Emmentaler. Wenn ich einen guten Tag hatte, gab es mal Tomate-Mozzarella. Mein Abendessen hatte an den meisten Tagen höchstens 200 kcal, wenn überhaupt. Auch wenn ich es mit Sicherheit nicht sagen kann, weil ich damals kein Ernährungstagebuch geführt habe, aber wenn ich ehrlich zur mir selbst bin, muss ich zugeben, dass ich damals zum Abnehmen auch nicht mehr essen konnte als heute - ich habe die Kalorien nur anders verteilt.

Ich konnte das Gewicht auch relativ gut halten - bis das Leben zuschlug. Es gab ein Auf und Ab und nicht selten waren Süßigkeiten ein Seelentröster.

Es war nicht mein Stoffwechsel, der mich wieder zunehmen ließ. Ich war es, die von allem einfach zuviel gegessen hat.

Ich habe also nicht nicht weiter abgenommen oder gar zugenommen, weil mein Stoffwechsel runtergefahren wäre, sondern weil ich einfach in die Muster zurückgefallen bin, die mich schon vor der ersten Diät dick werden haben lassen. Mir kommen immer mehr Zweifel daran, ob es den Hungerstoffwechsel wirklich gibt - zumindest, wenn man ohnehin zuviel auf den Rippen hat und somit die körperliche Existenz ja gar nicht bedroht ist.

Auf das Buch bin ich in mehreren Diskussionen um den Hungerstoffwechsel aufmerksam geworden, denn darin wird dieser als Fettlogik eingestuft - als Entschuldigung dafür, dass man gar nicht weniger essen dürfe. Es wurden zahlreiche Studien auf beiden Seiten ins Feld geführt und letzten Endes weiß ich nicht, wer recht hat. Vielleicht muss ich das aber auch gar nicht wissen. Vielleicht reicht meine Erfahrung. Und die sagt einfach, dass sich die Kalorienmenge zum Abnehmen nicht drastisch reduziert hat, ich verteile sie einfach auf drei statt auf zwei Mahlzeiten, was dazu führt, dass jedes Essen für sich kleiner ist - das Gefühl, weniger essen zu dürfen, ist lediglich die Folge der neuen Gewohnheit.

Weil mir aber ein Beweis nicht reicht, habe ich nach einem zweiten gesucht. Ich habe genau beobachtet, wie viel meine schlanke Schwester isst. Und siehe da, auch sie kann nicht wie ein Scheunendrescher fressen. Im Gegenteil. Ihre Portionen sind oft nur halb so groß wie meine! Wenn überhaupt. Ich habe andere schlanke Menschen in Alltagssituationen beobachtet (also nicht am Samstagabend im Restaurant, wenn man sich mal was gönnt).

Schlanke Menschen essen viel weniger als ich.

Und wenn sie nicht weniger essen, treiben sie exzessiven Sport. Und weil schlanke Menschen weniger essen oder sich viel mehr bewegen, können sie auch mal sündigen. Ausnahme statt Regel eben.

Ich zweifele die Existenz des Hungerstoffwechsels definitiv an - das Buch wird mir die Bestätigung liefern, das weiß ich schon. Deshalb war es mir wichtig, vor dem Lesen zu zeigen, dass ich mir das schon gedacht habe (und vor allem warum).

1 Kommentar:

  1. Mal ungeachtet der Tatsache, ob es nun einen Hungerstoffwechsel gibt, ob man den dann so nennen sollte und wer davon betroffen ist.

    Das Thema ist stellvertretend fuer so viele andere.

    Auf der einen Seite steht ein hochkomplexer Mechanismus, den allen Studien und Berichten entgegen immer noch niemand versteht. Etwas, das sich nicht einfach so vermessen, analysieren, manipulieren und schon gar nicht auf alles und jeden anwenden laesst. Seit die Marketingmaschinerie die Abnehmwilligen entdeckt hat, werden zusaetzlich Hoffnungen geschuert, die sich schlicht nicht begruenden lassen.

    Auf der anderen Seite steht die Weigerung, einfach das zu tun, was funktioniert. Mit Verstand, Motivation, Disziplin und - ja, irgendwann auch - Freude an die Sache heranzugehen, denn: Nein, es ist nicht so schwer.

    Und ganz konkret: Natuerlich gibt es das Phaenomen eines Stoffwechsels, der sich an das Nahrungsangebot anpasst und entsprechend "optimiert". Das kann unter Umstaenden auch relativ fix gehen, und ich wuerde nicht kategorisch ausschliessen, dass es den einen oder anderen hier Anwesenden schon einmal getroffen hat.

    Ein aus den Fugen geratener Stoffwechsel ist allerdings nicht der alleinige Schuldige, wenn es mit der Diaet mal wieder nicht wie gewuenscht voran geht. In den meisten Faellen sind eher eine falsche Ernaehrung, zu wenig Sport und Selbstbetrug gepaart mit falschen Erwartungen schuld. Da kann der HSW natuerlich gut als Schuldiger herhalten.

    Kurios finde ich allerdings dann, dass eine noch miesere Ernaehrungsweise (aka "Schlemmertage") als Heilmittel herhalten muessen. 

    AntwortenLöschen

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...