Sonntag, 1. Mai 2016

Was Frauen wollen

Warum sind Frauen so kompliziert? Und was wollen sie eigentlich? Frauen können sich dem Druck von Frauenzeitschriften nicht entziehen. Auch wenn sie sie gar nicht lesen. Aber sie werden immer und überall damit konfrontiert, wie sie zu sein haben.



Frau soll sich auf alle Fälle lieben, wie sie ist. Mit ihren Rundungen und Kurven oder eben ohne Rundungen und Kurven. Nein, nein. Ein Schönheitsideal gibt es nicht. Jede Frau ist eine Königin. Zumindest auf den vier Seiten des Psychobeitrags. Denn wäre es nicht viel besser, wenn man sich in 14 Tagen noch viel mehr selbst lieben könnte? Mit 5 Kilo weniger? Das wäre doch was! Und wenn du dann 14 Tage Diät gehalten und gedarbt hast, kannst du ja direkt das Kuchenrezept von Seite 15 ausprobieren. Du weißt schon. Das mit der fetten Mascarponefüllung. Und weil das ja nicht so ganz zum gesunden und natürlichen Leben passt, bekommst du Pickel. Aber keine Sorge, die Pickel brauchst du nicht lieben. Oh Gott. Wo kämen wir denn da hin. Nein, nein. Deine Makel musst du natürlich nicht lieben. Die gilt es auszumerzen! Bis du aussiehst wie ein am Computer erschaffener Avatar! Auf Seite 43 findest du deshalb genau DIESE tollen neuen Kosmetika, mit denen du dich schminken kannst wie ein Profi.

Denn natürlich bist du ein Schminkprofi. Muss man ja heutzutage schon für die ganzen gestellten Instagram-Fotos sein. Wenn die Hand beim Lidstrich etwas zittert, nutzt du eben eine der fünf angesagtesten Instagram-Fotobearbeitungs-Apps. Da kannst du dich direkt virtuell schminken. Und mit unseren Tipps für das perfekte Selfie steht dann der Insta-Beauty nichts mehr im Weg.

Die Reportage auf Seite 57 beschäftigt sich dann mit den Folgen der virtuellen Realität. Bonny, 19, hat überhaupt kein soziales Leben außerhalb des Internet mehr, weil sie nur auf der Jagd nach dem besten Foto ist. Sie hat sich abhängig von Likes und Kommentaren gemacht und beschließt, dem social Network den Rücken zu kehren. Am besten eignet sich dazu ja ein eigener Lifestyle-Blog. Bonny besinnt sich auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Einen Job braucht sie nicht zu kündigen, denn die Abiturientin studiert ja Philosophie. Sie meditiert drei Stunden täglich und zieht sich ihre eigenen Tomaten auf dem Quadratmeter Balkon der Studentenbude. Wie gut, dass Papa alles bezahlt. Denn ein Nebenjob ist ja nun wirklich... so... konsumorientiert. Voll der Kommerz. Bonny kauft nur noch im Reformhaus. Bioartikel natürlich. Ganz biologisch aus Südamerika eingeflogen. Du bist schließlich, was du isst. Zu ihrer Selbstfindungsphase gehört dann auch, dass sie erst einmal 10 Jahre durch Asien reist. Das Motto heißt also nun "Back to the roots". Der Instagram-Account wird mit ganz natürlichen Bildern gefüttert. Etwa welche Damenhygieneartikel die Mönche in Tibet während ihrer Menstruation verwenden. Halt. Irgendwas stimmt da jetzt nicht. Egal. Nur der Augenblick zählt! Ihre Eizellen lässt sie sich aber einfrieren. Frau will ja unabhängig bleiben.

Und weil frau so unabhängig ist, passt es auch doch irgendwie zur neuen Natürlichkeit, dass das Muttersein auf die Rente verschoben wird. Schwanger werden ist ja mit Temperatur messen und Himbeerblättertee saufen auch keine Kunst mehr. Und wenn du dein Lebtag lang Bio-Avocados gefressen hast, altert ja die Gebärmutter nicht. Apropos Gebärmutter. Da fällt ihr dann wieder ein, dass frau nun doch nicht so ganz unabhängig ist. Schließlich braucht es zum Kinderkriegen ja immer noch zwei.

Wie gut, dass ab Seite 32 die 5 besten Maschen festgehalten sind, um ihn an sich zu binden. Besonders Tipp 3 gefällt ihm ganz besonders. Setze also zusammen mit deinem Make-up eine Maske auf, damit er denkt, dass du seine Traumfrau wärst. Wenn du das Make-up dann noch mit diesen neuen trendigen Lieblingsteilen kombinierst, liegt er dir garantiert zu Füßen. Eure erste gemeinsame Wohnung richtest du dann natürlich mit Möbeln vom Designer ein. Im Shabby Chic. Das Herzstück bildet aber eine Essgruppe, die du mit Hilfe eines DIY-Videos auf YouTube gebastelt hast. Leider ging der von Termiten zerfressene Stuhl kaputt, als sich Onkel Horst mit seinen 120 Kilo drauf schwingt. Alles ist eben vergänglich.

Auch so wichtige Momente wie der einer Geburt. Dabei ist das doch das Natürlichste auf der Welt. Das muss man natürlich in seiner ganzen blutigen Wirklichkeit raus in die Virtualität hauen. Genauso natürlich ist es, dass man bitte drei Wochen später nicht mehr erkennen sollte, dass du ein Kind geboren hast. Soviel Natürlichkeit braucht es dann doch nicht.

Ist aber auch egal, denn mit der Geburt eines Kindes stellst du dich einem ganz neuen Kampf. Super-Mom oder Rabenmutter? Du kannst nichts beides sein! Und schon gar nicht irgendwas dazwischen. Nicht-stillen ist nur okay, wenn du es zumindest versucht hast. Am besten erziehst du dein Kind à la Laissez-Faire, um es ja nicht die Entwicklung seiner Persönlichkeit zu stören. Dein Leben hat sich nur noch um dein Kind zu drehen und Du. Bist. Nur. Noch. Mutter. Zumindest das erste Lebensjahr, denn dann hast du dein Kind in eine Einrichtung zu geben. Soziales Lernen und so. Und nicht vergessen. Du bist ja absolut unabhängig. Weswegen du natürlich eine Working-Mom bist. Vollzeit. Mit Überstunden. Zuhause bleiben ja nur Glucken. Aber so ein bisschen nagt schon das schlechte Gewissen. Macht aber nix. Mit einem SUV lässt sich die Bio-Avocado wenigstens angemessen transportieren.

Im nächsten Leben werde ich ein Mann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen