Sonntag, 3. April 2016

Kurhotel des Grauens - Folge 2

Ihnen schlägt der Mief von gefühlten tausend Jahren ins Gesicht. Die Luft ist abgestanden, daran ändern sämtliche Desinfektionsmittel der Welt nichts. Warum riecht es hier überhaupt nach Desinfektion? Was gibt es hier, das man mit Desinfektionsmittel bekämpfen müsste?


Der Tresen im Foyer ist unbesetzt. Broschüren von anno dazumal stehen fein säuberlich am Ende der Theke. Als hätte jemand den Stapel ganz penibel ausgerichtet. Die Umschläge sind verblasst. Ebenso wie die ehemals dunkelgrüne Auslegeware, die den schweren Muff ausatmen zu scheint. Auch die Aufzüge haben schon bessere Tage gesehen. Der Lack der Türen ist abgesplittert, einer ist defekt. Die Decken sind niedrig. Sie fühlen sich bedrückt und eingeengt. Schauen zweifelnd zu ihm.

Nur wenige Tage hier haben bereits seine Spuren an ihm hinterlassen. Er ist abgemagert und bleich. Die Bewegungen wirken fahrig und unnatürlich. Als hätte ihn der Mief zuerst umwabert, umschlungen und erdrückt. Doch sie sagen nichts. Er darf nicht einfach mit ihnen kommen. An die frische Luft, weg von diesem Ort, an dem alles nach Unheil schreit.

Plötzlich durchschlägt eine zufallende Tür die Friedhofsstille. Ihre Blicke suchen die drei Gänge ab, um die Geräuschquelle auszumachen. Leises Quietschen, einem Stöhnen nicht unähnlich, hallt durch den Flur. Dazwischen Schlurfen. Sie atmen erleichtert aus, als sich die alte Dame mit ihrem furchtbar ächzenden Rollator vorbeischiebt. Auch ihre Bewegungen fahrig, sie selbst blass, die graue Dauerwelle zerknautscht und zerknittert - passend zum Gesicht. Doch als sie die Gruppe erblickt, lächelt sie ein zahnloses Lächeln und Glanz stiehlt sich in ihre gelblichen Augen. Als würde sie sich an der Tatsache festhalten, dass es noch menschliches Leben auf dem Planeten gibt. Dann presst sie die bläulichen Lippen aufeinander und beeilt sich, an der Gruppe vorbeizukommen. Das Gängelabyrinth verschluckt sie so schnell, wie es sie ausgespuckt hat und auch das Quietschen und das Schlurfen hängen nur mehr einer Ahnung gleich in den Gängen.

Verlegen zuckt er mit den Achseln, sich bewusst, wie unangenehm seinem Besuch die Umgebung erscheint. Und er kann es ihnen nicht einmal verdenken. Alles in ihm schreit nach Flucht und frischer Luft. Stumm weist er zum Aufzug, um seiner Familie sein Zimmer zu zeigen Sie drängen sich zu fünft in den kleinen Aufzug, rücken noch ein Stück enger zusammen, damit sich die Tür schließen lässt, ehe sich die Konserve stöhnend in Bewegung setzt.

Als sich die Türen im sechsten Stock öffnen, herrscht Stille...

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