Sonntag, 28. Februar 2016

Mein Leben als Spaßbremse

Du wünscht dir ein Kind. Du willst es anhimmeln, verwöhnen. Du willst für das Kind der wichtigste Mensch im Leben sein. Sieht man von der Babykotze, den Stinkewindeln und den durchwachten Nächten einmal ab, ist es auch genauso. Fasziniert verfolgst du die Entwicklung deines Sprosses. Das erste Lächeln, die ersten Schritte, die ersten Worte. Du würdest wirklich alles für dein Kind tun.



Wirklich alles? Nein. Denn so sehr du auch in dein Kind verliebt bist, irgendwann beginnt es unweigerlich ein Verhalten an den Tag zu legen, das gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Es schreit vor Wut, wirft Dinge durch die Gegend oder sich selbst auf den Boden. Manchmal schafft es auch alle drei Dinge auf einmal. Das ist der Zeitpunkt, an dem du dein Kind nicht mehr uneingeschränkt anhimmeln darfst. Es ist der Zeitpunkt, an dem spätestens von dir erwartet wird, dein Kind zu sozialisieren. Gemeinhin sagt man dazu auch Erziehung.

Glaube ja nicht, dass du dich dabei auf irgendwen als dich selbst verlassen kannst. Denn dein Kind lernt auf wundersame Weise - und zwar wahrscheinlich vom Teufel höchstpersönlich - wie es dich um den kleinen Finger wickeln kann. Ein Blick, ein tollpatschiger Satz oder eine liebevolle Geste. Den kleinen Teufelchen ist nichts heilig, wenn es um Schokolade, Saft und Spielzeug geht.

An dieser Stelle nimmt das eigentliche Dilemma seinen Anfang. Denn du als Mutter bist scheinbar der einzige Mensch auf der Welt, der das Kind zwar abgöttisch liebt, ihm aber dennoch seine Wünsche abschlagen kann. Alle anderen verfallen den großen Kulleraugen und den kleinen Stupsnasen. Alle! Allen voran die Großeltern, dicht gefolgt von Tanten und Onkeln.

Von wegen ein ganzes Dorf. Deine Eltern, also die Großeltern deines (B)Engels, wirst du nicht wieder erkennen. Sie schleppen Spielzeug an, das du selbst als Kind immer haben wolltest und nicht bekommen hast. (Ja, uns ging es nicht schlecht, aber als Kind kann man ja nicht genug haben.) Sie lassen Milde walten, die du so nicht erlebt hast. Statt einer Zurechweisung gibt es nur ein "Mei, du Lauser!", der Knuff in die Wange für den Bazi fehlt noch. Wenn du dieses Verhalten als Kind deiner Eltern beobachtest, bleibt dir nur der Mund offen stehen.

Bist du schließlich erkennst: Das Amt als Spaßbremse wurde dir von deinen Eltern bei der Geburt ihres Enkels feierlich weitergereicht. Ohne es zu ahnen, hast du sie von ihrer Bürde frei gesprochen. Ihr Enkel bekommt nun all das, was sie ihrem Kind - also dir - auch hätten geben wollen. Nur die Vernunft und das Bemühen, keine egoistische und verschwenderische Rotznase aus dir zu machen, haben sie davon abgehalten. Jetzt können sie das aber tun. Denn die regulierende Instanz, die Spaßbremse, bist ja nun du. Und da sie doch der Meinung sind, ihre Sache gut gemacht zu haben, vertrauen sie dir voll und ganz.

Also bist eben du bis zur Geburt deines Enkels die Spaßbremse. Aber irgendwann, ja, irgendwann, wirst auch du die Erziehung auf Werkseinstellung zurücksetzen können und den Wanderpokal weiterreichen!

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