Sonntag, 25. Oktober 2015

30 ist das neue 20

Bild: FreeImages.com /cstavridis
Stimmt nicht. Diese Behauptung ist eine reine Verzweiflungstat. Sonst nichts.

Wie sah denn das Leben mit 20 aus? Du bist auch bei minus 20 Grad leicht bekleidet weg gegangen, weil du dir sonst in der Disco einen Wolf geschwitzt hättest. Dir hätten die Eiszapfen von den Haaren wachsen können und du hättest nicht zugegeben, dass es draußen saukalt ist.

Mit 30 wählst du Zwiebellook, um dich jeder Temperatur von minus 50 bis plus 40 anpassen zu können. Allerdings sind die Temperaturunterschiede im Restaurant nicht so gravierend wie in der Disco. Zum Rauchen gehst du auch nicht raus, weil du es wegen der Gesundheit, den Kindern oder anderen Gründen aufgegeben hast.

Überhaupt kommt dir die Nylon-Industrie inzwischen sehr entgegen. Sagenhaft, wie sehr eine Strumpfhose dein Wohlbefinden steigern kann. Nein, Unterhemden ziehen wir noch nicht an! So weit ist es noch nicht. Aber so ein farblich passendes Top für unten drunter heißen wir mit offenen Armen willkommen.

30 ist nicht das neue 20. Das merkt man vor allem beim Ausgehen. Entweder es kommt sowieso nicht mehr vor oder dein Vorglühgetränk hat sich massiv verändert. Vorher war es Whiskey-Cola, jetzt ist es Kaffee. Schwarz. Und stark. Weil du sonst zur Tagesschau auf der Couch einschläfst.

Mit 20 konntest du problemlos drei Tage durchmachen. Heute kostet es dein Aussehen schon drei Jahre, wenn du nur daran denkst.

Du musst einfach auf deinen Körper besser Acht geben. Das, was er früher einfach so weggesteckt hat, hält er dir heute gnadenlos vor. Du musst dich mit kleinen fiesen Krankheiten herumschlagen, die du mit 20 nur vom Hörensagen kanntest oder gar nicht. Obwohl du Sport treibst und dich geschmeidig hältst, fängt es an zu zwicken oder zu zwacken. Oder du bekommst so seltsame Dinge wie eine Entzündung der Zahnwurzelhaut.

Mit 20 habe ich versucht, das meiste aus der Anlage im Auto herauszuholen. Harte Technobeats begrüßten mich, wenn ich die Zündung anmachte. Heute schallt der Biene-Maja-Tanz aus den Boxen. Und du singst auch noch mit.

Wenn dir einer sagt, mach das doch mit 30! 30 ist das neue 20! Glaub ihm kein Wort. Du bist zu alt für diesen Scheiß!

Sonntag, 18. Oktober 2015

Die dunkelsten Abgründe der Seele

Bild: FreeImages.com / Alvaro Reyes
Ich werde mich nicht an das Datum erinnern können. Aber sicher an den Wochentag und an die Uhrzeit. Es war ein Donnerstag. Es war die Zeit zwischen 7.50 und 8.10 Uhr. Zwanzig Minuten, die mir die dunkelsten Abgründe meines Seins offenbart haben. Zwanzig Minuten, in denen ich zu roher Gewalt fähig gewesen wäre. Nur meine Schnelligkeit und Entschlossenheit haben Schlimmeres verhindert. Es war der Donnerstag, an dem es bei Lidl Schneeanzüge und andere Winterkombinationen für Kleinkinder gab.

Als ich mein Auto auf dem Parkplatz abstellte, warteten bereits etwa fünf ältere Damen vor dem Eingang mit ihren Wägelchen. Zunächst war ich erleichtert. Ohne Wagen und ohne Kind war ich sicher schneller als diese Schabracken. Ob die wegen des Kinderzeugs da waren, war ohnehin fraglich. Nach und nach kamen jedoch Mamis mit ihren Kindern. Genau in Zwergnases Alter! Es handelte sich eindeutig um Gegner, die ausgeschaltet werden mussten. Ich würde mich zwischen den Wägen des Altersheims durchdrücken müssen und zügig zu den Wühltischen vorpreschen. Jetzt war nicht die Zeit, um auf Äußerlichkeiten oder Anstand zu achten. Jeder ist sich selbst der Nächste!

Die Minuten verstrichen quälend langsam. Die Luft war energiegeladen. Ich war mit meinem Teufelchen auf der Schulter nicht allein. Es wird ein unfairer und harter Kampf werden. In den wenigen Minuten vor der Ladenöffnung beäugte jeder seine Konkurrenten. Es herrschte eine greifbare Anspannung. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Plötzlich sprach mich eine ältere Dame an, was es wohl bei Aldi gibt. Dort sei sie eben vorbeigefahren und es stünden viel mehr Menschen vor der Tür als hier. Ich lächelte sie freundlich an, zog mein Smartphone hervor und lud die Aldi-App. Die Frau sah wie ein kleines Kind aus, das zum allerersten Mal einen Zaubertrick sieht. Leider zerstörte die wirklich nette Dame meine Hoffnungen. Sie war wegen einer der Schneejacken- und Schneehosenkombis da. Ich gab zu, wegen des Anzuges da zu sein. Es war nur kurz, aber auch ihr entglitten die Gesichtszüge, wägte sicher ihre Chancen mir gegenüber ab. "Welche Größe?", fragte sie noch kurz angebunden. "98/104", gab ich zur Antwort und die Situation entspannte sich. Sie brauchte eine andere Größe. Wir waren keine Konkurrenten.

Man hätte vielleicht noch eine Allianz schließen können, aber nun war der Startschuss gefallen. Die Ladentüren öffneten sich und ich legte einen guten Start hin. Zwei von fünf Einkaufswägelchen überholte ich sofort, eine weitere Kundin trickste ich mit einer Abkürzung durch einen Gang aus. Aber verdammt! Eine hatte ich übersehen. Sie war schneller. Wahrscheinlich trainierte sie häufiger als ich. Ich verschwendete keinen Gedanken mehr an sie. Ich wusste ja gar nicht, warum sie hier war. Noch um eine Ecke... und da waren sie! Die Wühltische! Meine Konkurrentin steuerte auf die Winterstiefel zu. Nur ein kurzer Blickkontakt und der Nichtangriffspakt war besiegelt. Ich hatte Glück. Die Schneeanzüge lagen gleich im ersten Korb. Oben auf die richtige Größe. Ich riss gerade zwei Exemplare an mich, als der Seniorenclub schnaufend um die Ecke bog. Darunter auch die nette Dame von draußen, aber sie war mir egal. Ich musste meine Beute sichern, denn ich hatte mir sagen lassen, dass sie einem auch aus der Hand gerissen werden könnte.

Wirklich durchatmen konnte ich erst, als ich meine Beute im Auto hatte. Für diese Schneeanzüge hätte ich einer alten Frau wahrscheinlich auch ein Bein gelegt!

Sonntag, 11. Oktober 2015

Einräumanleitung für den Geschirrspüler

Bild: FreeImages.com / Petria Follett
Ich bin kein großer Fan von Hausarbeit. Ich tue eben, was getan werden muss. Eine der langweiligsten Aufgaben ist zum Beispiel das Ausräumen des Geschirrspülers. Ja, ja, ich weiß. Soll man mal froh sein, wenn man einen hat. Ist mir egal. Hier geht es um Luxusprobleme! Weil ich mir nämlich keinen leisten kann, der das Ding für mich ausräumt. Nun hilft jammern ja bekanntermaßen nur wenig. Man kann lediglich versuchen, es sich so einfach wie möglich zu machen. Unter der Prämisse, dass man selbst aktiv wird und die Aufgabe nicht einfach delegiert.

Als zeitsparend hat sich das Sortieren erwiesen. Tasse zu Tasse, Glas zu Glas, flacher Teller zu flachem Teller, tiefer Teller zu tiefem Teller und so weiter. Sperriges Kochgut, das zum lediglichen Vollmachen und aus der Lustlosigkeit des händischen Abwasches heraus in die Maschine gestopft wird, darf dazwischen verteilt werden. Hier bedarf es ohnehin des Meisters in Tetris, um möglichst viel heraus zu holen... äh... hineinzustopfen. Ach, wie auch immer. 

Eigentlich braucht es keine Erläuterung, dass man so mit wenigen Handgriffen gleich mehrere Teile auf einmal entnehmen und aufräumen kann, was diese unliebsame Aufgabe eben recht schnell erledigt sein lässt. 

Manchmal glaube ich, dass mein Mann vor dem Geschirrspüler steht und in ihm das perfekte Mordwerkzeug sieht. Wenn man das Besteck nämlich ganz durcheinander in den Korb steckt, wird sich frau irgendwann die Pulsadern beim Ausräumen aufritzen.Wenn die Messer wieder zwischen den kleinen Kuchengabeln stecken und die Schneiden in alle Richtungen zeigen. Kennst du eigentlich Saw? In einem der Folgeteile wird bestimmt einer gefoltert, indem er den Geschirrkorb leeren muss!

Und dann denke ich wieder, dass es meinem Mann einfach egal ist, wie lange man zum Ausräumen des Geschirrspülers braucht und er deshalb keinen Gedanken daran verschwendet, dass Besteck lieber in Rudeln unterwegs ist. Man. Sieht man doch, wenn man in den Besteckkasten schaut!

Sonntag, 4. Oktober 2015

Hoch hinaus

Bild: FreeImages.com / Helmut Wattrott
"Zieht ihr um?"
"Nein, wieso?"
"Wo ist deine Deko hin?"

Ja, meine Deko. Ich hab sie recht gerne gemocht. Vor allem im Herbst und zu Weihnachten. Kleine Arrangements mit Stoff und Figuren, manchmal auch Streudeko. Hier ein Windlicht und da eine kleine Kerze. Dort auf dem Regal und hier auf der Fensterbank. Jetzt ist dort nichts. Nada. Wüste. Einöde. Gähnende Leere.

Es ist nicht so, dass ich plötzlich ein Anhänger des Minimalismus wäre. Ich bin pragmatisch. Dekofiguren sind meistens bunt und lachen in die Gegend. Sie sind aus Glas, Keramik oder einem anderen nicht bruchsicheren Material. Dekofiguren üben einen sehr großen Reiz aus - vor allem auf Zwergnase.

Erklär mal einem Kleinkind, dass es mit diesen bunten Dingern nicht spielen darf.
Erklär mal einem Kleinkind, warum Mama Streudeko verteilen darf, aber das Kleinkind nicht.

Ich habe es aufgegeben. Ich habe es auch aufgegeben, tausendmal "Nein!" zu sagen oder "Nur anschauen!" Es bringt sowieso nichts. Es kostet nur Nerven. Und Staubsaugerbeutel. Das betrifft im Übrigen nicht nur Deko.

Deshalb freue ich mich darauf, wenn Zwergnase älter ist und nicht mehr überall hintatscht. Dann werde ich eine Menge Stauraum haben. Denn sämtliche Regale auf seiner Höhe sind nahezu leer. Was wichtig ist und nicht kaputt gehen darf, muss hoch hinaus. Gar nicht so leicht, wenn er es inzwischen auch verstanden hat, sich Hilfe in Form eines Hockers zu holen.

Aber dieses Jahr sieht es nicht mehr so aus, als würden wir demnächst umziehen. Ich habe mich getraut und dekoriert. Aber so, dass Zwergnase nur schauen, nicht tatschen kann. Denn wenn seine Augen leuchten, wenn sich der Drache im Wind dreht oder das LED-Kerzenlicht im Kürbis flackert, dann leuchten Mamas Augen mit - zumindest bis Zwergnase betreten "Oh!" sagt...