Samstag, 28. Februar 2015

Verschwörungstheorien, Masern und Utopia


Manchmal denke ich mir, dass Verschwörungstheoretiker einfach zuviel Zeit haben und es ihnen dennoch an der Fähigkeit mangelt, die Dinge zu Ende zu denken. Hinter jeder politischen Handlung, hinter jeder Erscheinung oder jeder Schlagzeile wird eine Verschwörung vermutet. Ist die Welt nicht so, wie wir denken, dass sie ist?

Ich muss zugeben, an der ein oder anderen Verschwörungstheorie könnte durchaus was dran sein. Die Amis haben das WTC selbst gesprengt, um einen Kriegsgrund zu haben? Durchaus im Bereich des Möglichen. In der Weltpolitik wurden schon immer Opfer in Kauf genommen, um ein Ziel durchzusetzen. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass einiges an moralisch-ethisch Verwerflichem im Hintergrund läuft, von dem der kleine Mann nichts weiß und nichts wissen soll. Das Motiv? Raffgier und Prestige der Mächtigen. Der Jäger und Sammler ist immer noch in uns verankert. Je mehr man hat, desto besser. Auch die Gesellschaftsgeschichte zeigt, dass es immer wenige gab, die mehr hatten als die breite Masse. Selbst in politischen Formen, in denen alle gleich sein sollten. Manche waren halt doch immer gleicher.

Die Frage ist nun, ob man solche Dinge überhaupt wissen muss. Was ändert es? Hilft Empörung über unethisches Verhalten wirklich weiter? Einen Machthaber zu Gunsten des nächsten absetzen? Oder muss man sich nicht trotz des Wissens einfach den Begebenheiten beugen? Welche Lösungen gäbe es?

Nehmen wir das brandaktuelle Beispiel Masern. Eine der Theorien besagt, dass die Pharmaindustrie die Masern in Umlauf bringt, um die Impfstoffe zu verkaufen. (Wer ist aber dann "die Pharmaindustrie"? Geht da einer in Kindergärten und hustet Kinder an? Oder wie läuft das?) Wir nehmen also nun einfach mal an, dass es stimmen würde. An der Krankheit und den möglichen Folgeschäden ändert das aber nichts. Man muss also Prioritäten setzen. Sich gegen die Pharmaindustrie auflehnen und sein Kind nicht impfen, dafür aber riskieren, dass es lebenslang behindert ist oder stirbt? Wo die Krankheit auch herkommen mag, die Risiken bleiben so oder so dieselben. Und wäre dann nicht gerade eine Impfpflicht nicht der beste Schlag gegen die Pharmazeuten? Wieviel verdienen die eigentlich noch an Impfstoffen gegen die Pocken?

Wollte man sich allen negativen Einflüssen entziehen, müsste man schon zu den Lebensformen der Steinzeit zurückkehren. Jeder versorgt sich selbst und nimmt nichts von Dritten an. Angesichts der Weltbevölkerung könnte es schwierig werden, für jede Familie ein abgeschottetes Siedlungsgebiet zu finden. Sobald aber größere Gruppen entstehen, werden auch die Machtspiele wieder aktiv. Ein nicht enden wollender Kreis, man durchläuft die Menschheitsgeschichte einfach nur neu. Allerdings wäre dann auch wieder weniger Platz für Verschwörungstheorien. Schließlich muss man für sein (Über-)Leben tagtäglich hart kämpfen und arbeiten. Da wird es mit der Zeit schwer werden, noch Energie für Empörung zu haben.

Wie heißt es so schön? Wir sind hier nicht bei "Wünsch dir was", sondern bei "So isses!"
Was könnte nicht alles Gutes geleistet werden, wenn die ganze Energie nicht für Empörung draufginge...

Bildnachweis: FreeImages.com / cgrant6

Donnerstag, 26. Februar 2015

Eltern-Kind-Gruppe: Pädagogischer Overkill

Ich bin ja unverbesserlich. Nachdem ich letztes Jahr, etwa zur gleichen Zeit, die Babymassage eiskalt hingeschmissen habe, habe ich mich erneut dazu entschlossen (oder vielleicht dem allgemeinen Druck gebeugt?), mich mit meinem Kind unter die Leute zu bringen. Gestern war es dann soweit. Das erste Mal Eltern-Kind-Gruppe. Als ich uns angemeldet habe, erschien mir das ganze noch als wunderbare Idee. Schließlich ist Zwergnase nun mobil, man kann mehr mit ihm anfangen. Kinder müssen schließlich unter Kinder. Und ich würde mich nicht alleine den Mommy Wars stellen müssen. Meine Großcousine würde mit ihrer Zwergnase mitkommen, die anderen verrückten Mütter können uns also egal sein.

Gestern Morgen war ich dann von unserer großartigen Idee weniger überzeugt. Ich hatte keine Lust. Ich hatte keine Lust auf andere Mamis, keine Lust auf eine vollgepackte Wickeltasche, falls Zwergnase am Verhungern sein würde und keine Lust auf ein grantiges Kind, das pünktlich zum Kursbeginn eigentlich seinen Schlaf bräuchte. Wahrscheinlich wäre ich sogar zu Hause geblieben, wenn es nicht mit meiner Cousine vereinbart gewesen wäre. 

Meine pessimistische Grundeinstellung wurde jedoch in dem kleinen Raum des Pfarrheims etwas abgemildert. Die anderen Mamis scheinen auf den ersten Blick gar nicht so verrückt zu sein, die Kinder haben alle etwa das gleiche Alter und Zwergnase hatte soviel zu schauen, dass er seinen Schlaf problemlos vergessen konnte. Das wird schon! 

Bei der unvermeidbaren Vorstellungsrunde war ich dann sogar positiv überrascht. Wir sind ein Haufen Mamis, die keinen Wert auf große Erzählungen legt, die sich ohnehin niemand auf die Schnelle merken kann. Nur die Leiterin der Gruppe scheint etwas pikiert über unsere wirklich sehr kurze Vorstellung (Name der Mama, Name und Alter des Kindes). Kein Wunder, denn die Erzieherin selbst hat uns ihren gesamten Lebenslauf dargelegt. Inklusive der Differenzen mit ihrem Chef, weswegen sie jetzt in der Essensausgabe in einer Mittelschule tätig ist, anstatt wirklich einer erzieherischen Tätigkeit nachzugehen. Sie versuchte, das ganze positiv klingen zu lassen, aber überzeugend klingt anders. Sie redet und redet, die Kinder sind kaum mehr zu halten und nehmen in Ermangelung von Spielzeug (das noch ordentlich im Schrank versteckt ist) den Raum auseinander. Es werden Blätter mit Begrüßungsliedern ausgeteilt. Ich glaube, fast jede Mutter hat ein Augenrollen unterdrückt. Die Lieder kennt keine Sau und auch die Gruppenleiterin hat Probleme damit, die richtige Melodie zu finden. Dementsprechend zurückhaltend fällt der Gesang auch aus. Ich freue mich schon mordsmäßig auf nächste Woche, wenn dieses Begrüßungsritual wiederholt werden soll.

Apropos Ritual. Ich habe es schnell gemerkt, diese Veranstaltung wird voll von pädagogischen Ritualen sein. Begrüßungslied, Essensgebet zur Brotzeit, Aufräumritual, Herräumritual, Abschiedsritual, Zeichen, die die gute Frau geben will, wenn sie irgendeine neue Aktion ankündigen will, usw. Nun streite ich in keiner Weise ab, das Kinder Rituale brauchen. Wer kennt dieses pädagogische Gebot nicht? Inwiefern ein Ritual in diesem Alter jedoch nützt, das einmal die Woche durchgeführt wird, mag ich bezweifeln. Um mich kurz zu halten: Die eineinhalb Stunden waren vollgepackt mit Möchtegern-Ritualen und immer, wenn sich die Kinder einmal schön beschäftigt hätten, wurde auch schon das nächste "Ritual" ausgepackt. Es war einfach viel zu viel, viel zu vollgepackt und das meiste davon auch unsinnig. Besonders, wenn es für die Mamis ein Ritual sein soll. Hallo? Ich bin ein erwachsener Mensch. Ich komme sehr gut damit klar, wenn etwas nicht immer nach Schema F abläuft und man eine gewisse Flexibilität zugestanden bekommt. Und schon gar nicht lasse ich mich durch irgendeine Geste wie ein Hund herbeipfeifen, der artig seine Aufgabe zu erfüllen hat. Mit mir (und sicher auch den anderen Mamis) kann man reden. Wir sind auch kein Haufen überdrehter Kindergartenkinder mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Maus. Deshalb widerstrebt es mir, wenn ich wie ein Kind behandelt werde.

Der Erzieherin jedoch kommt nichts über ihre Rituale. Als die Tische zusammengerückt werden, um zu brotzeiten, die Dame ein Tablett mit einer Kerze für das Gebet auf den Tisch stellt, kackt halt ganz unglücklicherweise eines der Kinder in die Windel. Die Mama fragt nach einer Toilette bzw. Wickelraum, da dürfen wir aber nicht hinein. Also mobile Wickelauflage ausgerollt, Hose runter und ab die Post. Als die Mama gerade beim Öffnen der Windel ist, möchte die Erziehertante, dass die Windel erst nach dem Gebet gewechselt wird. Die Mama macht unbeirrt weiter. Recht so! Denn wenn man sein Kind und dessen volle Windeln kennt, würde ich auch nicht riskieren, das ganze Kind umziehen zu müssen, weil es sich wegen eines Tischgebetes noch kräftig auf den Hosenboden plumpsen lässt und sich die ganze Sch... am ganzen Kind verteilt. Ich kann es nicht sicher sagen, aber es sah so aus, als unterdrückte die Gruppenleiterin einen Vortrag über das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe.

Und was bietet sich beim Tischgespräch nicht besser an als ein brandaktuelles Thema, um seine Verschwörungstheorien unter die Menschen zu bringen? Natürlich werden die Masern angesprochen. Die Dame, bar einer medizinischen Ausbildung, möchte uns "die Angst vor den Masern nehmen". So schlimm seien die ja gar nicht, schließlich hätte sie selbst und auch ihre drei Kinder die Masern ohne irgendwelche Folgeschäden überstanden. Und überhaupt verschweigen die Medien ja vieles. Wo kämen denn die Masern her? Sie braucht es gar nicht auszusprechen, dass sie glaubt, dass die böse böse Pharmaindustrie die Masern wellenartig unter den Menschen verbreitet. Ich verkneife mir zu fragen, wie alt denn die Pharmaindustrie ist und ob sie etwa bereits im Mittelalter auch die Pest ins Volk geworfen hätte. Was ich jedoch sage, dass wir im Anschluss an die Gruppe direkt zum Impfen gehen. Sie entgegnet, dass Krankheiten ja auch wichtig seien, denn danach würden die Kinder immer besonders gute Entwicklungsschübe machen. Äh, ja. Kann man glauben, muss man aber nicht. Ich habe nun nicht sonderlich recherchiert, aber aus der blanken Erfahrung heraus behaupte ich, dass es nur den Anschein eines besonders großen Schubes macht, weil während einer Krankheit die Kraft zur Weiterentwicklung bzw. zur Sichtbarkeit des neuen Könnens fehlt. So war es zumindest bei Zwergnase, als er Laufen lernte. Er war zwischendurch stark erkältet und bewegte sich kaum. Als er gesund war, stand er auf und lief er herum, als gäbe es kein Morgen mehr. Es wäre mir allerdings neu, dass eine Erkältung die Voraussetzung fürs Laufen wäre... Ich glaube, die selbsternannte Krankheitsexpertin hätte noch viel mehr von ihrer Meinung preisgegeben, wenn ich nicht widersprochen hätte. Sie hatte wohl widerspruchslose Zustimmung erwartet oder Mamis, die unreflektiert einfach alles übernehmen, weil sie ja eine Erzieherin ist (in der Essensausgabe einer Schulkantine). Ich glaube, am Ende der Gruppe habe ich sie mit einem Alu-Hut davonfahren sehen...

Als ich mit meiner Cousine davonwagele, fragt sie mich prompt, was ich denn zu unserem Führer sagen würde. Ich war wohl nicht die einzige, die etwas irritiert war...

Bildnachweis: FreeImages.com / lovu forever

Freitag, 20. Februar 2015

Reisefieber

Die Schwüle drückte sich unerbittlich auf die Dreiflüssestadt nieder. Die Straßen waren wie leer gefegt und auch in der Fußgängerzone irrten nur wenige Menschen umher. Es war einfach viel zu heiß. Die Hitze drückte aus jeder Pore des Körpers selbst den letzten Schweißtropfen heraus. Selbst in völliger Regungslosigkeit war das Atmen kaum möglich. Wer konnte, befand sich an einem Weiher oder im Schwimmbad, nur um festzustellen, dass auch das kühle Nass keine dauerhafte Erleichterung verschaffte. Der Rest verbarrikadierte sich in dunklen Häusern, mit heruntergelassenen Jalousien und geschlossenen Fenstern und versuchte die alles erdrückende Hitze auszusperren. Ventilatoren liefen auf Hochtouren, nur um die schon viel zu warme Luft von einer Zimmerecke in die andere zu blasen. Doch nicht einmal mehr der Luftzug verschaffte Abkühlung. 

Elisabeth starrte durch die geöffneten Fenster des Seminarraums hinaus auf den türkisgrünen Inn. Die geradezu karibische Färbung des Flusses, die unerträgliche Hitze und das monotone Geschwafel des Dozenten ließen sie träumen. Nur am Rande nahm sie die Freude des Dozenten über das Wetter wahr. Als wäre es sein Verdienst, dass die Hitzewelle gerade dann Deutschland überrollt, wenn er mit seinen Studentinnen über Thomas Manns "Tod in Venedig" fachsimpeln wollte und sie nur durch seine alles überragenden, wettergöttlichen Fähigkeiten eine Vorstellung davon bekommen würden, wie Mann sich sein Venedig gedacht hatte. Trotz der phänomenalen Selbstüberschätzung musste Elisabeth zugeben, dass es ein gutes Seminar gewesen war. Sie hatten sich mit verschiedenen Lektüren beschäftigt, in denen es auf die ein oder andere Art immer um Ferien ging oder eine Auszeit vom normalen Leben. Genau das war es, was sie nicht mehr losließ. Elisabeth wollte sich hinaus in die Welt stürzen, Besonderes erleben, einzigartige Erfahrungen machen. Der Alltag sollte für eine Weile hinter ihr bleiben, keine Verpflichtungen, kein Termine. Sie wollte einfach nur das tun, wonach ihr gerade der Sinn stand. Denn das war es ja, was ihr immer so schwer fiel. Einfach abschalten. Nicht zuviel nachdenken. Es nicht immer allen recht machen müssen. In den Romanen und Filmen schien das immer so leicht. Der Protagonist hat die Schnauze voll und begibt sich auf eine Abenteuerreise mit erfrischenden Bekanntschaften, philosophiegeschwängerten Unterhaltungen und zum Schluss ist er reich an neuen Erfahrungen, ein völlig neuer Mensch und hat sich sozusagen selbst gefunden. Elisabeth wollte es jedoch langsam angehen lassen. Es musste ja nicht gleich die ganze Welt sein, die es zu bereisen galt. Sie wollte sich erst einmal mit Deutschland begnügen. Von einem Bahnhof zum anderen, Sight Seeing in den Großstädten. Der Zug erschien ihr das Mittel der Wahl. Sie würde auf viele unterschiedliche Menschen treffen und würde keine Probleme haben, ins Gespräch zu kommen. Im Auto wäre sie allein. Denn Elisabeth wollte niemand zu einem Road-Trip einladen. Es sollte eine Erfahrung werden, die nur ihr allein gehörte. Während Aschenbach in Venedig gerade seinen Löffel abgab, weil er sich wider jede Vernunft dorthin statt in die kühlen, den Kopf frei machenden Berge begeben hatte und sich über all seine bewährten Regeln hinweggesetzt hatte, fasste Elisabeth ihren Entschluss. Das Seminar war die letzte Veranstaltung für dieses Semester. Danach würde sie ihren kleinen Koffer packen, der schon in dem kleinen Appartement bereitstand, zum Bahnhof gehen und das erste Ziel nehmen, das ihr ins Auge stach. Sie sah sich schon mit einem Buch in der Hand in einem Café am Kölner Dom sitzen, weniger lesend als das bunte Treiben beobachtend. Gab es am Kölner Dom überhaupt Cafés? Keine Ahnung! Aber egal, das würde sie schon herausfinden! 

Elisabeth konnte es kaum erwarten, bis der Dozent zum Ende kam. Mit geröteten Wangen verteilte er nach einer gefühlten Ewigkeit die Hausarbeitsthemen und beendete die Sitzung. Immer noch sichtlich stolz, dass das Wetter so gut zu seinem Abschluss des Semesters passte. Als Elisabeth das Gebäude verließ, wäre sie beinahe wieder zurück ins Gebäude getaumelt. Die erdrückende Schwüle traf sie mit einer Wucht, sodass es ihr schwer fiel, durchzuatmen. Sie zog ihre Sonnenbrille aus der Tasche, um ihre Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht zu schützen und machte sich, so schnell es ihre auf dem Kopfsteinplaster pflatschenden Flipflops erlaubten, auf den Weg in Richtung Altstadt. Elisabeth verließ den Campus und schlenderte schließlich eher die Innpromenade entlang, als dass sie hetzte. Es war einfach zu heiß, um einen Ausdauerlauf zu absolvieren. Schon gar nicht in der größten Mittagshitze und ohne Schatten spendende Bäume. Obwohl die Promenade sonst recht idyllisch an dem grünen Fluss entlangführte und viel und gerne von den Studenten genutzt wurde, heute war Elisabeth alleine unterwegs. Der Weg reflektierte Wärme und Sonnenlicht. Elisabeth fühlte sich, als würde sie bei lebendigen Leib verbrennen. Naja, gut, das vielleicht gerade nicht. Aber wenn ihre Flipflops plötzlich zerschmelzen und davon fließen würden, hätte sie sich nicht gewundert. Normalerweise war der kurze Fußweg in die Altstadt wirklich kein Problem, doch an diesem Tag musste sie stehen bleiben und ihre Wasserflasche hervorholen. Sie führte die kleine PET-Flasche an die Lippen wie ein Verdurstender in der Wüste. Dass sie jedoch keineswegs am Verdursten war, verriet ihr der kleine Ekel, der sie packte, als das schon viel zu warme Wasser ihre Kehle hinunter lief. Sie trank die Flasche dennoch in einem Zug aus, nur um festzustellen, dass sie noch einmal soviel trinken hätte können und sich dennoch kein Gefühl der Erfrischung einstellen wollte. Elisabeth überlegte kurz, sich eine Verschnaufspause auf einer der Bänke zu gönnen. Verwarf den Gedanken jedoch rasch wieder. Die dunkel lackierten Bretter würden ihr wohl den Hintern verbrennen. Außerdem hatte sie es ja eilig! Da würde sie sich doch nicht von so einem bisschen Sonne aufhalten lassen. Sie verstaute die leere Flasche in ihrer Tasche und blickte geradeaus nach oben. Über der Mündung der drei Flüsse türmten sich schwarze Gewitterwolken in die Höhe, die den Horizont bedrohlich ausfüllten. Man musste wahrlich nicht Meteorologie studiert haben, um zu kombinieren, wie heftig das Unwetter irgendwann in den nächsten Stunden ausfallen würde. Sie konnte den Blick von den Vorboten der Naturgewalt nicht abwenden und tatsächlich glaubte sie, im Innern der bedrohlichen Gewitterwand schon Blitze erkennen zu können. Ein Grund mehr, sich zu beeilen. Wenn der Sturm losbricht, wollte Elisabeth schon im Zug sitzen und ihr erstes Ziel ansteuern. Sie trat in die enge Gasse, in der sich ihre kleine Wohnung befand und atmete durch. Hier war es schattig und die Steinmauern der alten Gebäude um sie herum gaben eine angenehme Kühle ab. Nach der Hitze auf der Innpromenade fröstelte Elisabeth im ersten Augenblick sogar ein wenig. Während sie die Haustüre aufschloss, zog eine leichte Brise durch die Gasse. Sie stellte die Tasche im Flur ab und ihr Blick fiel in den Spiegel. Unmöglich! So würde sie gewiss keine aufregenden Bekanntschaften machen. Die Haare waren zerzaust und zusammengeklatscht, ihre Kopf rot wie eine Tomate und überhaupt fühlte sie sich plötzlich unangenehm dreckig. Sie roch ihren eigenen Schweiß und ekelte sich vor sich selbst. Nein, so konnte sie ihre Reise nicht antreten. Rasch ging sie ins Bad, warf ihr Top und ihre Hotpants in die Plastiktüte mit Schmutzwäsche und stellte sich unter die eiskalte Dusche. Mit frisch gewaschenen und nach Kokos duftenden Haaren und großzügig verwendetem Deo stand sie vor ihrem Koffer. Sie hatte für diese letzte Semesterwoche in der Erwartung der Hitzewelle nur sehr knappe Kleidung mitgenommen. Was war, wenn es während ihrer Reise abkühlen würde? Für abends hatte sie im Grunde auch nichts dabei. Und sie hatte gewiss nicht vor, sich um acht Uhr abends in einer Jugendherberge in ihrem Bett zu verkriechen. Plötzlich schüttelte sie entschieden den Kopf. Nicht soviel planen!, ermahnte sie sich. Das wird sich alles finden und zog mit einem Ratsch den Reißverschluss des Koffers zu.

Als sie sich kurze Zeit später auf den Weg zum Bahnhof machte, verdunkelten die Gewitterwolken bereits die ganze Stadt. Das Atmen fiel schwer und obwohl die Sonne nicht mehr alles grausam verbrennen konnte, was sich nicht selbstständig in den Schatten flüchtete, waren die Straßen wie ausgestorben. Das Scheppern von Elisabeths Trolley auf dem Kopfsteinpflaster war weit und breit das einzige Geräusch und hallte von den Hauswänden wieder. Es war ihr peinlich. Elisabeth fühlte sich wie ein Störenfried, der die spannungsgeladene Stille vor dem Sturm durchbrach. Sie zweifelte ernsthaft, ob es ein gutes Omen für ihren Plan war, dass sie keinen Menschenseele erblickte. Wo sie doch genau das wollte! Menschen kennenlernen.
Sie atmete erleichtert auf, als sie mit ihrem Koffer den Bahnhof betrat und die Straßen weiter schlafen lassen konnte. Unschlüssig stand sie vor einer Tafel mit An- und Abfahrten. Wo wollte sie denn nun hin? Stirnrunzelnd fuhr sie die Tafel mit dem ihrem Finger entlang. Nichts wollte ihr auf einmal so recht zusagen. Sie kannte sich doch nirgends aus, hatte nicht einmal eine Ahnung davon, welche Sehenswürdigkeiten es überall gab. Einen Riecher für Geheimtipps hatte sie auch nicht. Sie war nun schon vier Jahre in Passau und war noch nie in einem solchen Lokal gewesen. Zweifelnd kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Aber wollte sie nicht gerade deshalb ihre Reise wagen? Einfach raus, nichts planen, abwarten, was auf sie zukommen würde. Wie in Trance schlich sie zum Fahrkartenautomaten. Köln. Ja, Köln. Köln war ihr erster Gedanke gewesen, warum nicht gleich dort anfangen? Tatsächlich würde in einer halben Stunde ein ICE abfahren. Das musste doch einfach Schicksal sein. Als Elisabeth jedoch ihre Karte bezahlen wollte, schrumpfte ihr Traumschloss in Sekundenschnelle zu einem Traumverschlag zusammen. 131 Euro. Einfach. Auch die Interrail-Pass, mit dem sie dann gleich weiterreisen hätte können, kostete für 8 Tage Fahrt 232 Euro. Sie zog den Finger vom Touchscreen zurück und flüchtete zum Ausgang. Sie ließ sich auf den Stufen vor dem Gebäude niederplumpsen und vergrub den Kopf in ihren Händen. 232 Euro. Die könnte sie im Moment schon bezahlen, aber es würde ja nicht dabei bleiben. Sie brauchte eine Unterkunft, Verpflegung, Geld für Eintritte, Souvenirs, wahrscheinlich auch Kleidung... Im Gegenzug konnte sie ihren Ferienjob nicht antreten. Sie hatte schon Jahre in derselben Firma gejobbt, wenn sie nun einfach kurzfristig absagen würde, wäre sie den Job sicher auch für die folgenden Semesterferien los. Sie würde also nicht nur eine Menge Geld brauchen, sondern auch ihre Haupteinnahmequelle verlieren. Verdammt! Warum sah das in den Büchern immer so leicht aus? Vielleicht handelte sie doch zu übereilt. So ganz ohne Vorausplanung, ohne einen Kassensturz. Außerdem würde sie dann auch eine Menge Familienfeiern verpassen. Überhaupt wären ihre Eltern sehr enttäuscht, wenn sie ohne etwas zu sagen einfach abhauen würde. Das passte nicht zu ihrem gute Verhältnis zueinander. Da saß sie also mutterseelenallein auf den Stufen. Sie hatte niemanden mitnehmen wollen. Die Wahrheit war, sie hätte gar nicht gewusst, wen sie überhaupt hätte fragen sollen. Sie war soviel allein und redete sich ein, dass sie es gerne war. Aber was war, wenn sie auch auf ihrem Trip mit niemandem ins Gespräch kommen würde? Elisabeth war zwar nicht menschenscheu, aber für flüchtige Bekanntschaften und purem Small Talk hatte sie eigentlich auch nichts übrig. Sie brauchte die Sicherheit, sich auf jemanden verlassen zu können. Aber Fremden Menschen einfach so vertrauen? Die Nachrichten waren voll von schlimmen Verbrechen. Und sie, ganz allein unterwegs? Sie hatte auch keinerlei Orientierungssinn. Was, wenn sie sich in den Großstädten einfach verlaufen würde? In einer einsamen Gasse landen würde? Womöglich noch nachts? Meine Güte, sie hatte wohl zuviel gelesen, schalt sie sich selbst. Schon wieder fing sie an, sich mit ihren Zweifeln alles madig zu reden. Sicherheit gegen Abenteuer abzuwägen. Sie war ein solcher Hasenfuß! So würde das nie etwas werden. Entschlossen stand sie auf, um gegen ihre ganzen Überlegungen zurück zum Fahrkartenautomat zu gehen und nun einfach ein verdammtes Ticket zu lösen. In zehn Minuten würde der ICE nach Köln abfahren und sie würde drinsitzen. Jawohl!

Plötzlich durchzuckte ein greller Blitz den nun fast nachtschwarzen Himmel, dem unmittelbar ein ohrenbetäubendes Donnergrollen folgte. Erschrocken blickte Elisabeth nach oben, um im nächsten Moment klatschnass zu werden. Mit einer unerwarteten Wucht entlud sich die aufgeladene Luft und ein sturzbachartiger Wolkenbruch setzte in Sekunden die Straßen unter Wasser. Sofort begann Elisabeth zu frösteln und wollte nur noch weg, in Sicherheit. Während der nächste Blitz den Himmel erhellte und erneut ein Donnergrollen durch die Stadt polterte, packte Elisabeth ihren Koffer und rannte hinunter zum Busbahnhof. Sie stieg in einen wartenden Bus und als der Fahrer sie fragte "Wohin?", murmelte sie nur "Nach Hause..." und zeigte ihre fast leer gestempelte Zehnerkarte vor.